Wenn Geschichte zum Meme wird: Digitaler Geschichtsrevisionismus im Kontext Nahostkonflikt
Dr. Deborah Schnabel
Die Frage, wie die NS-Geschichte erinnert, vermittelt und verfremdet wird, ist in den letzten Jahren erneut ins Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen gerückt. Spätestens seit dem 7. Oktober 2023, dem brutalen Terrorangriff der Hamas auf Israel, und dem darauffolgenden Gaza-Krieg zeigt sich: Digitale Räume sind zu Arenen eines erbitterten Ringens um die Deutung der NS-Vergangenheit geworden – und um die moralischen Lehren, die sich aus dieser Vergangenheit vermeintlich ziehen lassen. Das Spektrum dieser Lehren reicht dabei weit: von der Forderung nach unbedingter Solidarität mit Israel als Staat der Shoah -Überlebenden bis hin zum Schutz der Bevölkerung von Gaza vor einem sich anbahnenden neuen Menschheitsverbrechen.
„Neue Nazis“? – Historische Analogien als revisionistische Strategie
Es überrascht nicht, dass dort, wo die Projektionsfläche Israel im Raum steht, schnell auch antisemitische Ressentiments mobilisiert werden. Neben legitimen Debatten um die deutsche “Staatsräson”, über mangelnde Empathie mit den Menschen in Gaza und Kritik an der Netanjahu-Regierung finden sich auch Erzählungen, die an bekannte geschichtsrevisionistische Topoi anschließen. Was früher in Pamphleten, Flugblättern oder an Stammtischen verhandelt wurde, geschieht heute in Sekunden auf TikTok oder Instagram, begleitet von Beats, Emojis und visuellen Effekten – und entfaltet damit eine Reichweite, die klassische Formen revisionistischer Propaganda nie erreichen konnten.
Besonders auffällig ist die Wiederkehr von NS-Vergleichen. In viralen TikTok-Videos werden israelische Soldaten als die „neuen Nazis“ bezeichnet, Davidsterne mit Hakenkreuzen verschmolzen oder Bilder aus den Ghettos des Zweiten Weltkriegs mit Szenen aus Gaza collagiert. Diese Analogien sind historisch falsch und perfide zugleich, stellen sie doch die Schoa in den Dienst aktueller politischer Agitation. Die Aussage, „die Geschichte wiederhole sich in Gaza“, trivialisiert die systematische Vernichtung des europäischen Judentums, um politische Empörung gegen Israel zu mobilisieren und die eigenen Gesellschaften moralisch zu entlasten.
Die Zuspitzung historischer Thesen zu Aussagen, die von Geschichtsrevisionismus nicht mehr zu unterscheiden sind, liegt auch in den vielzitierten Plattformlogiken begründet. TikTok und Instagram belohnen Emotionalität und Polarisierung. Inhalte, die Komplexität reduzieren werden von Empfehlungsalgorithmen bevorzugt. Creator*innen, die keine historische Expertise besitzen, aber charismatisch sind und über viel Reichweite verfügen, prägen für viele Jugendliche das Geschichtsbild stärker als Schulbücher oder TV-Dokumentationen. Gerade TikTok ist für viele die erste Informationsquelle über Israel und den Nahostkonflikt – und auch ein zentraler Ort, an dem sich entscheidet, wie die NS-Vergangenheit erinnert wird.
Das Muster der Gleichsetzung Israels mit Nazi-Deutschland ist nicht nur ein rhetorischer Tabubruch zur Erhöhung der Klickzahlen, sondern eine Form von Geschichtsrevisionismus. Sie steht in der Tradition älterer Relativierungsstrategien, wie sie im Historikerstreit der 1980er Jahre sichtbar wurden. Damals versuchte Ernst Nolte, den Holocaust in eine vermeintliche Kausalität mit den Verbrechen des Stalinismus zu stellen. Heute findet sich ein digitaler Ableger dieser Methode: Der Holocaust wird nicht geleugnet, sondern so relativiert, dass seine Einzigartigkeit in Frage gestellt wird. Wird Israel als „Nazi-Staat“ bezeichnet, so wird implizit gesagt: Die Verbrechen der Nationalsozialisten seien nicht einzigartig, sondern fänden ihre Fortsetzung in der Gegenwart. Dies entwertet sowohl das historische Gedächtnis als auch die reale Erfahrung der Überlebenden.
Meme-Kultur, KI-Videos und die Trivialisierung der Shoah
Geschichtsrevisionismus hat es auf digitalen Plattformen auch deshalb so leicht, weil Geschichtswissen dort ohnehin in stark trivialisierter Form vermittelt wird. Überraschend hoch ist etwa die Anzahl von AI-History-Accounts: Nutzer*innen, die historische Themen in komplett KI-generierten Videos behandeln – von Slideshows zur Geschichte des antiken Judentums bis hin zu KI-gerenderten Videos, die „POV waking up in Auschwitz“ heißen, also behaupten, die Erfahrung von KZ-Insassen aus der Ego-Perspektive nachzustellen. Die hohen Klickzahlen solcher Videos beweisen zunächst ein starkes Interesse an Geschichte, das von klassischen Akteur*innen politischer Bildung anscheinend nicht ausreichend bedient wird. An ihrer Stelle fluten KI-Accounts die Plattformen mit massenhaft generierten History-Videos, die von Fehlern, Oberflächlichkeiten und fragwürdigen Narrativen nur so strotzen.
Noch viel problematischer sind die zahlreichen Meme-Formate, die den Holocaust ins Lächerliche ziehen, indem sie ihn als „content“ verarbeiten: Witze über Gaskammern; „Challenges“, in denen sich Nutzer*innen als KZ-Insassen verkleiden oder KI-Fakes, die Anne Frank als Figur im Videospiel „Fortnite“ zeigen. Der Holocaust wird so zu einem Rohstoff für digitale Popkultur trivialisiert – was seine Infragestellung und Relativierung umso wahrscheinlicher macht.
„German Guilt“ und Schuldabwehr in sozialen Medien
In deutschen Diskursen rund um den Nahostkonflikt kommt ein weiterer Aspekt hinzu: die Infragestellung der Erinnerungskultur selbst, über die Behauptung einer „German Guilt“. Nach dem 7. Oktober tauchte sie als Parole auf Demos und Graffiti, aber auch und vor allem im Netz auf – etwa in der Form „Free Palestine from German Guilt“. Damit wird suggeriert, dass die deutsche Solidarität mit Israel allein aus einer „krankhaften“ Erinnerungskultur resultiere, aus einem „Schuldkult“, der die Gesellschaft angeblich lähmt und Solidarität mit Palästinenser*innen unmöglich mache. Diese Rhetorik folgt einem bekannten Muster: Schuldabwehr. Schon in den 1960ern schrieb der Aktivist Dieter Kunzelmann von einem „Judenknax“ der deutschen Linken und rechtfertigte damit antisemitische Gewalt. Am 9. November 1969 verübte er einen Sprengstoffanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin, der nur durch Zufall keine Todesopfer forderte. Ulrike Meinhof, Ikone der RAF, erklärte Israel gar zum „Land des Nazi-Faschismus“ und sprach den Deutschen gleichzeitig jede Verantwortung ab, da sie ja nichts gewusst hätten. Linksextreme wie rechtsextreme Schuldabwehrdiskurse eint die Strategie der Täter-Opfer-Umkehr: Juden und Israel werden zu „Tätern“ erklärt, die Deutschen entlastet, indem ihre Erinnerungskultur als übertrieben und manipulativ diffamiert wird.
Deutsche Schuld(-abwehr)?
Diese Logik findet heute in sozialen Medien neue Resonanz: Unter dem Schlagwort „German Guilt“ wird deutschen Nutzer*innen vorgeworfen, sie ignorierten israelische Kriegsverbrechen, weil sie von ihrer Holocaust-Erinnerung blockiert würden. Dabei übersehen solche Parolen, dass die deutsche Aufarbeitung keineswegs im Übermaß, besonders mustergültig oder staatlich verordnet stattfand, sondern stattdessen oft gegen gesellschaftliche und politische Widerstände durchgesetzt werden musste – nicht selten von Betroffenen selbst. Statistiken zeigen zudem, dass immer mehr Menschen in Deutschland einen „Schlussstrich“ unter die Vergangenheit fordern und dass die gefühlte „Überbeschäftigung“ mit dem Thema oft mehr über Abwehrhaltungen als über tatsächliche Bildungsinhalte aussagt. Wenn suggeriert wird, deutsche Erinnerungskultur sei Ergebnis oder Instrument jüdischer Manipulation, ist das kein valides Argument, sondern eine Neuauflage antisemitischer Verschwörungsmythen, die historische Verantwortung als Zumutung darstellen – und ebenso gut von Rechtsextremen stammen könnten.
Politische Bildung im postdigitalen Zeitalter
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Geschichtsrevisionismus immer dort besonders wirksam war, wo gesellschaftliche Verunsicherung und ideologische Polarisierung zusammentrafen. In der Weimarer Republik etwa florierten antisemitisch grundierte Mythen über den „Dolchstoß“ – und trugen dazu bei, die Akzeptanz der nationalsozialistischen Propaganda zu erhöhen. Heute ist der revisionistische Diskurs nicht an die vermeintlichen Ränder der Gesellschaft gebunden, sondern tritt auch in der Sprache von Dekolonialisierung oder Menschenrechten auf – und wirkt dann auch anschlussfähig für Milieus, die sich selbst als demokratisch und progressiv verstehen.
Gerade deshalb ist die Aufgabe der historisch-politischen Bildung dringlicher denn je. Es geht nicht allein darum, antisemitische Inhalte zu melden oder strafrechtlich zu verfolgen. Die Erinnerung an den Holocaust muss auch in den digitalen Arenen präsent bleiben – nicht museal, sondern lebendig, streitbar und im Kontext. Das bedeutet: multiperspektivisches Denken zu fördern, historische Vergleiche zu problematisieren, die Singularität der Shoah immer wieder zu betonen, ohne sie als „ferne Vergangenheit“ zu musealisieren. Die Aufarbeitung der Vergangenheit darf nicht als ein abgeschlossenes Kapitel, als gelöstes Problem behandelt werden, sondern muss als offene Aufgabe verstanden werden, die auch im Netz jeden Tag neu ausgefochten wird.
Geschichtsrevisionismus im Kontext des Nahostkonflikts zeigt, wie verletzlich kollektive Erinnerung geworden ist in einer „postdigitalen“ Welt, in der Online und Offline immer schwieriger voneinander abzugrenzen sind. Wenn die Schoa zur bloßen Folie tagesaktuellen „Contents“ degradiert wird, verliert sie ihren Platz als moralische Referenz. Dem kann nur eine entschlossene Verbindung aus historischer Präzision, digitaler Kreativität und pädagogischer Empathie begegnen. Die Ideologien von gestern sind längst in den Plattformen von heute angekommen. Wer ihre Wiederkehr verhindern will, muss sie genau dort stellen – in Kommentaren, Memes, Videos und in den Köpfen der nächsten Generation. Erinnerung ist kein statisches Wissen, sondern eine Praxis. Sie entscheidet sich heute nicht im Archiv, sondern auf der For-You-Page.

Dr. Deborah Schnabel
Deborah Schnabel promovierte in Psychologie und hat sich praktisch wie wissenschaftlich mit Fragen des interkulturellen Zusammenlebens und der digitalen Transformation insbesondere im Bereich der Bildung beschäftigt. Als Direktorin der Bildungsstätte Anne Frank setzt sie sich u. a. damit auseinander, wie antisemitismus- und rassismuskritische Bildung im digitalen Raum gelingen kann.
Literatur
Allport, Gordon W. (1954): The Nature of Prejudice. Reading et al.: Addison-Wesley.
Butler, Judith (1990): Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity. Routledge, New York u. a.
El-Tayeb, F. (2016). Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft. Bielefeld: transcript.
Fanon, Frantz (1952): Schwarze Haut, weiße Masken. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Wien, Berlin: Turia + Kant, 2016.
Mecheril, Paul (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.
Pierce, Chester M. (1970): Offensive Mechanisms. In: Floyd Barrington Barbour (Hrsg.): The Black Seventies, S. 265–282, Boston: Porter Sargent Publisher.
Rommelspacher, Birgit (1995): Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht. Berlin: Orlanda Frauenverlag.
Terkessidis, Mark (1998): Psychologie des Rassismus. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.