Mauern des Hasses oder Brücken des Miteinanders?
Religion zwischen Kampfesrhetorik und Kooperation
Dr. Christian Ströbele
Im August 2025 verbreitet sich ein Tweet des US-Verteidigungsministers Pete Hegseth in den sozialen Medien: Unter dem Motto “All of Christ for All of Life“ teilt Hegseth auf der Plattform X einen Beitrag über den evangelikalen Theologen Doug Wilson, eine Schlüsselfigur des US-amerikanischen christlichen Nationalismus. Wilson und seine Anhänger, zu denen Hegseth prominent zählt, streben nach nichts Geringerem als einer christlichen (Vor-)Herrschaft (dominion, domination) über alle Lebens- und Einflussbereiche. So versteht sich der von Hegseth reproduzierte Slogan, der auch das Motto der Christ Church in Moscow im Bundestaat Idaho ist, der Wilson vorsteht. Hegseth trägt seinerseits ein Jerusalemkreuz-Tattoo auf seiner Brust – ein von vier kleineren Kreuzen umgebenes quadratisches Kreuz, ursprünglich Zeichen der Franziskaner im Heiligen Land, heute populär in der islamfeindlichen Szene. An die Kreuzzüge erinnert auch sein Arm-Tattoo „Deus vult“, „Gott will es“: Mit fanatischen „Deus lo vult“-Rufen unterbrachen angeblich immer wieder die Hörer den ersten Kreuzzugsaufruf Urbans II. 1095, und so lautete auch der Spruch des Ritterordens vom Heiligen Grab. Auf Instagram hat Hegseth dazu den Hashtag „#AmericanCrusade“ gesetzt. So heißt auch sein Buch, das ausdrücklich dafür wirbt, dass die USA sich im „Kampf um die Freiheit“ ein Vorbild nehmen an den mittelalterlichen Kreuzrittern, die „Europa“ gegen „muslimische Horden“ militant verteidigt hätten. Damit ist nicht nur eine Randnotiz aus den USA angesprochen. Was wir hier beobachten, ist eine gefährliche Verschmelzung von Religion, Politik und Nationalismus, die sich transnational vernetzt und über die Echokammern sozialer Medien verbreitet, die so als Radikalisierungspipelines wirken können:
- Gemeinsame Narrative werden in lokale Kontexte übersetzt, Kampagnen synchronisiert, Ressourcen geteilt.
- Als zentrale Mechanismen werden dazu religiöse Symbole politisch aufgeladen, theologische Konzepte zu Machtansprüchen umgedeutet, und die Komplexität religiöser Traditionen auf simple Dominanznarrative reduziert.
- Religiöse Traditionen werden so für nationalistische und ausgrenzende Ideologien instrumentalisiert und sollen gegeneinander in Stellung gebracht werden.
Christlich-jüdische Allianz?
Es braucht keine eingehende Analyse, um die Widersprüche der so beschworenen Frontlinien sichtbar zu machen: Eine vermeintliche christlich-jüdische Allianz gegen den Islam – unter Berufung auf die Kreuzzüge? Das Feindbild eines friedensunfähigen Islams, geschürt mit militaristischer christlicher Kreuzzugsrhetorik? Bekanntlich haben Muslime, und zwar Soldaten wie Zivilisten, als Hauptgegner der Kreuzfahrer die erheblichsten Verluste erlitten. Aber auch die jüdischen Gemeinden: Dabei begann die Gewalt gegen Juden schon in Europa, noch bevor die Kreuzfahrerheere das Heilige Land erreichten, etwa im sogenannten Volkskreuzzug 1096, den ersten organisierten Pogromen des Mittelalters: Entlang des Rheins, auch in Regensburg oder in Prag, zogen unorganisierte, fanatisierte Gruppen durch die blühenden jüdischen Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz und stellten die jüdische Bevölkerung vor die Wahl zwischen Zwangstaufe oder Tod. Auch 1099 wurde das eroberte Jerusalem Schauplatz eines Massakers an den Juden der Stadt.
Eine Weltsicht, die christliche Hegemonie anstrebt, lässt keinen Platz für gleichberechtigte religiöse Vielfalt.
Andere Religionen werden in einer solchen Weltsicht bestenfalls als unterlegen, schlimmstenfalls als feindlich betrachtet. Und während Hegseth eine enge Allianz gegen den Islam beschwört, scheinen ihn die antisemitischen Entgleisungen seiner Sprecherin nicht zu stören. Seine militante Rhetorik speist er mit Motiven, die pauschale Ungleichwertigkeiten festschreiben, essenzialisieren, an Religionszuordnungen festmachen und mit Affekten aufladen, die Feindbilder schüren und aktivieren. Es sind genau diese Muster, die in der verhängnisvollen Gewaltgeschichte des Christentums nicht nur gegen Muslime, sondern – vor allem – auch gegen Juden wirksam wurden.
Studien zeigen, dass Muslimfeindlichkeit und Antisemitismus oft von denselben psychologischen und ideologischen Faktoren angetrieben werden. Die Persönlichkeitsmerkmale und Weltanschauungen, die eine Person für eine dieser Abwertungsideologien und Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit anfällig machen, machen sie oft auch für die andere empfänglich. In seinen Studien zum „autoritären Charakter“ hat Theodor W. Adorno gezeigt: Menschen mit autoritären Persönlichkeitsstrukturen können Ambiguität schlecht aushalten („need for closure“) und neigen dazu, die Welt in starre Hierarchien, Kategorien und in simple Gut-Böse-Schemata einzuteilen. Sie projizieren eigene Ängste und Aggressionen auf Fremdgruppen, nehmen Minderheiten als Bedrohung wahr und sehnen sich nach starker Führung. Religion kann zum Vehikel für Überlegenheitsgefühle und Ausgrenzung werden.
Die EKD-Studie „Zwischen Nächstenliebe und Abgrenzung“ zeigt, wie unter anderem gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Feindbilder gegenüber Muslimen und Juden mit Verschwörungsdenken und sozialer Dominanzorientierung einhergehen. Diese finden wir auch im rechtspopulistischen „Masternarrativ“: Eine ehemals intakte nationale (Sozial-)Struktur und Kultur werde von korrupten Eliten verraten, die fremde Einflüsse zum eigenen Vorteil förderten und damit dem Verfall der Nation zuarbeiteten. Das könnte nur das „wahre, reine Volk“, nur „wahre Christen“ erkennen und zurückweisen.
Zentral ist dabei die Dämonisierung des „Fremden“ als Bedrohung für die eigene Kultur, Sicherheit und Werteordnung. Den Rahmen bildet die Verschwörungserzählung vom „Großen Austausch“. Diese Verschwörungserzählung verbindet sich häufig mit antisemitischen Stereotypen und dem Mythos einer jüdischen Weltverschwörung: So etwa, wenn die Schuld für die angebliche „Umvolkung“ dem jüdischen Investor George Soros zugeschrieben wird, mit dem die „Eliten“ im Bunde stünden. Auch Hegseth inszeniert sich als Vorkämpfer gegen „Globalismus“ und behauptet, die Proteste gegen Donald Trump wären durch George Soros finanziert.
Auch wenn antijüdische Affekte oft stärker chiffriert sind als Muslimfeindlichkeit, zeigen Beispiele wie die in der EKD-Studie ausgewerteten Kommunikate rund um das Thema ‚Seenotrettung‘, wie darin klassische antisemitische Stereotype christlich geprägter Gewaltgeschichte fortgeschrieben werden: So etwa, wenn Kirchenvertreter, die sich für Geflüchtete einsetzen, als „Pharisäer“ oder „Judas“ bezeichnet werden, was die Zuschreibungen von Heuchelei, Geldgier und Verrat aufruft; oder wenn sie als satanische, (selbst-)zerstörerische Macht dargestellt werden, was an die mittelalterliche Dehumanisierung von Juden anknüpft. Ruft man sich in Erinnerung, wie viele neutestamentliche Texte in der Tat solche Stereotype schüren können, und wie wirksam sie über viele Jahrhunderte der Gewaltgeschichte von Christen gegen Juden waren, kann man tatsächlich fragen: Können sich solche Zuschriften nicht sogar zurecht auf neutestamentliche Texte berufen? Ebenso z.B. wie Zuschriften, die das Gebot der Nächstenliebe nur beziehen auf die „eigenen“, autochthonen Zugehörigen und Nachbarn, aber die Hilfe für „Fremde“ als Verrat an den „Einheimischen“ begreifen? Eine solche Deutung vertreten sowohl hiesige Rechtspopulisten wie auch der US-amerikanische Vizepräsident J.D. Vance. Darin wurde er ungewöhnlich rasch und deutlich zurückgewiesen sowohl von Robert Prevost (auf Social Media), und (indirekter) auch von Papst Franziskus in einem Brandbrief an die US-Bischöfe: Der Papst erinnerte darin an die biblische Ethik universaler Solidarität, die „eine für alle offene Geschwisterlichkeit aufbaut, ohne Ausnahmen“.
Religiöse Mauern oder religiöses Miteinander?
Tatsächlich sind religiöse Traditionen offen für beides: Sie bieten Bausteine für Mauern des Hasses, aber auch für Brücken des Miteinanders, für Dominanzideologien, die andere abwerten, aber auch für einen Universalismus der Humanität. In welchem Sinne Religion aktiviert wird, ob für kulturkämpferische „Kreuzzüge“ oder eine Orientierung an einem umfassenden Gemeinwohl, ist abhängig von Deutungen und Gewichtungen, von Lesarten der Vergangenheit und ihrer Aktualisierung auf Herausforderungen der Gegenwart.
Die Entwicklung solcher Lesarten ist eine Aufgabe für die Theologien von Christentum, Islam und Judentum. Sie ziehen dabei „am selben Strang“, insofern sie von vergleichbaren religiösen Motiven ausgehen können, auf gemeinsame Zielvorstellungen hinarbeiten, und vor vergleichbaren Herausforderungen stehen – wenn sich auch die historische Erblast und Verantwortung dabei ungleich nämlich weithin zulasten des Christentums und seiner Gewaltgeschichte verteilt. Insofern spricht viel dafür, dass die Theologien davon gewinnen, wenn sie solche Herausforderungen kooperativ angehen.
„Jüdisch-christliche“, „islamisch-christliche“ und „jüdisch-islamische“ Zivilisation?
Dazu braucht es eine Sicht der Geschichte von Judentum, Christentum und Islam, die diese nicht nur in kulturkämpferischen Logiken liest. Der Historiker Richard W. Bulliet hat eindrücklich solche Lesarten als Abfolge unversöhnlicher Kulturkonflikte zurückgewiesen und stattdessen die tiefe wechselseitige Verflochtenheit betont. Programmatisch spricht er von einer islamisch-christlichen Zivilisation“. Damit meint er die Realität von „Geschwistergesellschaften“, die sich über 1400 Jahre in benachbarten geografischen Räumen auf vielfach parallelen historischen Bahnen entwickelten und deren Geschichte nicht ohne die der jeweils anderen verstanden werden kann. Er kontrastiert dies bewusst zum Begriff einer „jüdisch-christlichen Zivilisation“ – eine moderne Konstruktion, die angesichts von zwei Jahrtausenden christlicher Judenfeindschaft durchaus problematisch ist. Bulliet sieht den Begriff aber nicht nur kritisch: Immerhin unterstreiche er die Möglichkeit, trotz dieser verheerenden Geschichte beide als Teil einer gemeinsamen Zivilisation zu begreifen. Bei aller Problematik mache das doch zumindest umso zwingender, die ebenfalls konfliktbeladene Geschichte von Christen und Muslimen nicht als Widerspruch zu deren zivilisatorischer Zusammengehörigkeit zu werten.
Das mag man skeptischer sehen, ebenso wie die Differenzmarkierung zum Judentum, das sich historisch nicht gleichermaßen als weltumspannendes System mit der Macht des Staates verbunden habe und dessen theologische Gemeinsamkeiten Bulliet erstaunlich gering bewertet. Dabei sieht er durchaus die engen schriftlichen, rechtlichen und rituellen Verbindungen gerade zwischen Judentum und Islam. Zudem, wäre zu ergänzen, sind die theologischen Verbindungen in vielfacher Hinsicht durchaus enger sind als zwischen dem Christentum und beiden anderen Religionen. Ähnliches gilt für die jahrhundertelange Geschichte des Zusammenlebens von Muslimen und Juden.
In jedem Fall aber setzt Bulliet konstruktive Impulse, die Vergangenheit neu zu erzählen, um die Zukunft anders gestalten zu können. Er ignoriert Konflikte nicht, aber kontextualisiert sie neu und verweigert ihnen den Status zeitloser Gültigkeit. Noch weitergehender kann man mit Stefan Schreiner herausstellen, dass Judentum, Christentum und Islam „ihr Selbst aus der Begegnung mit dem jeweils Anderen beziehen“ (in: Sajak 2009, 21). Das Bewusstsein darum kann und sollte daher die Fortsetzung interreligiöser Begegnung befördern.
So herausfordernd – und dringlicher denn je – historische Rekonstruktionen und kooperative akademisch-theologische Anstrengung sind: Für eine gesellschaftliche Wirksamkeit braucht es weit mehr. Die Religionsgemeinschaften müssen in ihrer Glaubensverkündigung, ihrer Personalausbildung, vor allem auch ihrer Bildungs- und Begegnungsarbeit eine solche „für alle offene Geschwisterlichkeit“ aufbauen.
Rabbi Jonathan Sacks hat eindrücklich dafür argumentiert, dass interreligiöser Dialog nicht nur den – durchaus wichtigen – theologischen Austausch im engeren Sinn anstrengen muss. Denn Gespräche über religiöse Inhalte – Dialoge „face to face“, wie Sacks die nennt – sind zwar vielfach lohnend, aber auch voraussetzungsreich und fragil. In vielen Kontexten kann unmittelbarer angesetzt werden auf der Ebene von Leben und Handeln und bei geteilten Anliegen. So erfordern die basalen menschlichen Bedürfnisse wie Nahrung, Schutz und Sicherheit einen gemeinsamen Einsatz und liegen allen religiösen Differenzen voraus, so dass bei ihnen tiefer angesetzt wird als in jeder theoretischen Auseinandersetzung. Rabbi Sacks vertieft das auch biblisch im Blick auf die „prosaischen“ Programme, wie sie die Rabbinen im Talmud umschreiben, denen es um „Gesetze für das Hier und Jetzt“ ging, und die, wie auch Jeremia, einen „politischen Realismus“ und das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellen (vgl. Jer 29,4-7): „Betracht die Wohlfahrt der Stadt als eure eigene!“
In einer solchen Linie, die Sacks einen handlungsorientierten Dialog „side by side“ nennt, liegen eine Fülle von Projekten, gerade auch von jüdisch-muslimischen Initiativen und Projekten. Zu den Erfolgsfaktoren solcher Initiativen zählen Kontinuität, niedrigschwellige Angebote, ein Ansatz bei Konfliktbearbeitung statt -vermeidung und die Einbindung kommunaler Strukturen.
Damit tragen solche Initiativen – wie auch die vielfältigen Aktivitäten einer neuen Generation jüdischer und muslimischer Aktivist:innen – dazu bei, dass die Vielfalten und die Normalität jüdischen und muslimischen Lebens wahrnehmbarer werden, das Vorurteile, Feindbilder und reduzierende Wahrnehmungen abgebaut werden, und dass menschliche Verbindungen und ein gemeinsames „Wir“ in den Vordergrund rücken. Davon brauchen wir dringend mehr.

Dr. Christian Stroebele
Dr. Christian Ströbele studierte katholische Theologie, Philosophie und Germanistik in Tübingen und wurde dort 2013 mit einer Arbeit zur negativen Theologie und Methodologie des Nikolaus von Kues promoviert. Von 2006 bis 2015 war er Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und ist seither wiederholt als Lehrbeauftragter tätig. Seit 2015 leitet er den Fachbereich „Interreligiöser Dialog“ der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit Schwerpunkt auf christlich-islamischen Dialogen sowie theologischen und gesellschaftspolitischen Zukunftsfragen, darunter Projekten wie dem Theologischen Forum Christentum–Islam.
Literatur
Allport, Gordon W. (1954): The Nature of Prejudice. Reading et al.: Addison-Wesley.
Butler, Judith (1990): Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity. Routledge, New York u. a.
El-Tayeb, F. (2016). Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft. Bielefeld: transcript.
Fanon, Frantz (1952): Schwarze Haut, weiße Masken. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Wien, Berlin: Turia + Kant, 2016.
Mecheril, Paul (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.
Pierce, Chester M. (1970): Offensive Mechanisms. In: Floyd Barrington Barbour (Hrsg.): The Black Seventies, S. 265–282, Boston: Porter Sargent Publisher.
Rommelspacher, Birgit (1995): Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht. Berlin: Orlanda Frauenverlag.
Terkessidis, Mark (1998): Psychologie des Rassismus. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.